Religiöse Vielfalt
Die Vorherrschaft des Christentums auf La Réunion dauert nun schon drei Jahrhunderte an. Seit Anfang an wurde jeder Bewohner der Insel getauft, selbst die Sklaven, auch wenn ihre religiöse Erziehung sehr oberflächlich blieb. Sehr schädlich war das Gleichheitsprinzip im Christentum gegenüber der Unmenschlichkeit der Sklaverei. Die Missionare und die religiösen Institutionen interessierten sich nichtsdestotrotz sehr für sie; sie investierten viel Zeit und Energie in die Missionierung der Insel, besonders im 19. Jahrhundert. Die Insel zählt 68 Kirchengemeinden, die seit 1850 einem Bischof unterstellt sind. Man findet schließlich auch über 30 religiöse Lehranstalten auf der Insel, davon zwei Gymnasien und fünf Mittelschulen.
Der Hinduismus, den die Immigranten aus Indien auf der La Réunion eingeführt hatten, ist nicht unbedingt stimmig mit dem Bild, das wir im Okzident von dieser indischen Religion haben. Es gibt im weiten Indien über 100 Arten, den Hinduismus zu praktizieren, und da der Lockruf nach billigen Arbeitskräften nur bis in bestimmte Regionen und Kasten drang, ist nur die Tradition der Religion aus dem ländlichen Süden auf die La Réunion gekommen. Trotzdem existieren zwei unterschiedliche Glaubensschulen auf der Insel nebeneinander: eine akzeptiert die Opferung von Tieren, die andere verweigert diese Praktik. Spektakuläre religiöse Zeremonien – wie z.B. der Feuerlauf – verdeckten oft für Laien die sehr tiefgründigen Aspekte der Religion, die besonders am Tag des Dipavali, des Festes der Lichter, zum Ausdruck kommen. An diesem Tage werden Tempel und Häuser mit tausenden kleinen Lampen erleuchtet. Der Hinduismus und das Christentum – vorher Gegner – haben sich auf der La Réunion seit langem schon versöhnt. Es ist nicht selten, dass man die Religionsführer beider Glaubsrichtungen – oft auch die islamischen Imane – miteinander in freundschaftlicher Geselligkeit reden sieht.
Der Islam ist auf La Réunion ähnlich tolerant und offen, er wird inbrünstig begangen, es gibt jedoch keine Fundamentalisten. Man sieht junge Muslime mehr in Jeans als verschleiert, das schließt aber keine eifrige Ausübung des Islam aus, besonders da die Religion für sie eine doppelte Bedeutung hat: als Verehrung von Gott und als Verbindung zu den indischen Provinzen – der Heimat ihrer Vorfahren -, mit denen der Kontakt niemals abgebrochen ist. Die politisch-religiösen Spannungen, die es zeitweise in Frankreich gibt, scheinen La Réunion nicht zu berühren. Hier wird das Tragen des Kopftuchs oder die Teilnahme an einem Kurs in einer Madersa (einer islamischen Schule) nicht als Provokation verstanden. Es kommt sogar vor, dass die Vertreter anderer Religionen sich der Freude der Muslime über das Ende des Ramadan oder über eine Reise nach Mekka anschließen. Die Muslime der La Réunion feiern alle Feste des islamischen Kalenders. Keines dieser Feste ist ein offizieller Feiertag auf der Insel, jedoch bleiben an diesen Tagen die muslimischen Boutiquen geschlossen.

