Pioniere und Piraten
Weder die Indienkompanie noch der französische König hatten große Erwartungen an die neue Kolonie. Die Handelshäuser konzentrierten sich vor allen Dingen auf den Handel mit Indien, und Siedler kamen nur sehr langsam und in kleinen Gruppen auf die Insel. Zwei Dutzend waren es, die sich 1665 niederließen; im Jahr 1671 kamen nur etwa einhundert – Franzosen, Madagassen und Inder. Die madagassischen und indischen Männer waren oft Bedienstete, die madagassischen und indischen Frauen dagegen die Ehefrauen der weißen Männer. Zu dieser Zeit gab es noch keine Sklaven auf der Insel.
Alle Siedler lebten an der Küste zwischen Saint-Paul und Sainte-Suzanne. Große Zugeständnisse wurden den Neuankömmlingen gewährt in Form von großen Anbauflächen. Trotz der äußerst fruchtbaren Erde an den Küsten lebten die ersten Bourbonen (Bourbon ist der alte Name für die La Réunion) größtenteils von der Jagd, der Fischerei und dem Sammeln von Früchten. Sie bauten auch Getreide, Reis und Gemüse an, um sich und die vorbeikommenden Schiffe zu versorgen. Der Rohrzucker, der aus Java eingeführt wurde, diente für die Produktion des Rums; zusammen mit dem angebauten Tabak versüßte er den Bewohnern das Leben auf der Insel. Dekrete, die Gouverneure zur Einschränkung des ausschweifenden Lebenswandels durchsetzen wollten, wurden von den Siedlern zurückgewiesen. Rebellen, die sich gewaltsam gegen die Administration durchsetzen wollten, wurden Galeerensträflinge oder landeten am Galgen.
Das Ende des 17. Jahrhunderts läutete den wirtschaftlichen Aufschwung der Kolonie ein. Um 1700 erreichte die Bewohnerzahl 700, 1717 waren es schon 2000. Die ersten Dörfer entstanden und die Indienkompanie zog erstmals eine Bewirtschaftung der Insel in Betracht. Ein Exporthandel sollte entstehen, der sich auf die Produktion von Kaffee stützte. Auch für billige Arbeitskräfte sollte schnell gesorgt werden: Sklaven aus Afrika.
Freibeuter und Schätze
Am Ende des 17. Jahrhunderts begannen die Engländer und Franzosen, gegen die Piraten in der Karibik aufzurüsten. Ihre Flotten fingen an, die Piraten aus der Karibik zu vertreiben. Ein Teil von ihnen floh in den Indischen Ozean. In Madagaskar ließen sich viele von ihnen nieder, da die Insel sich ideal als Ausgangspunkt eignete, um die schwerbeladenen Schiffe zu überfallen. Die Piraten machten auch Abstecher zur Insel Bourbon, wie legendenumwobene Geschichten erzählen.
Der berühmte Seeräuber Olivier Levasseur, genannt La Buse, entführte 1721 ein großes portugiesisches Handelsschiff aus der Reede von St. Denis. Andere Piraten siedelten sich endgültig auf Bourbon an. Ab 1720 beschloss die Verwaltung der Insel, dass es weniger riskant für die hiesige Schifffahrt sei, die Freibeuter zu begnadigen und ihnen zu erlauben, sich auf Bourbon niederzulassen. Dutzende von reuigen Freibeutern – Franzosen, Engländer, Holländer und Dänen – siedelten sich auf der Insel an. Ihr angesammelter Reichtum während ihrer Freibeuterzeit half ihnen auch bald, Frauen zu finden. Im Jahre 1730 war jeder vierte Familienvater auf der Insel ein ehemaliger Pirat!
Aber haben die Piraten tatsächlich so viele Schätze auf der Insel vergraben, wie die Legenden es berichten? Einige authentische Quellen deuten darauf hin, dass es Schätze auf der Insel versteckt gibt. Jedoch muss man auch bedenken, dass alle Schatzsucher auch Träumer sind und Indizien in jedem abgeschlagenen Kiesel sehen. Einige Rätsel bleiben nichtsdestotrotz ungelöst. Warum wurde etwa La Buse gehängt, wo doch alle seine Kameraden begnadigt wurden? Hatte er sich vielleicht geweigert, das Geheimnis um seinen verborgenen Schatz zu enthüllen, wie viele heute noch glauben?

