Geburt einer Kolonie
Die Portugiesen und Spanier waren die ersten Europäer, die die bis dato unbekannten Meere erforschten und besegelten, um neue Handelswege und -partner zu finden. Sie dominierten Ende des 15. Jahrhunderts den Welthandel und teilten den Planeten untereinander auf. Doch die Niederländer beanspruchten bald einen Teil des Kuchens. Sie wussten die portugiesischen Schwächen auszunutzen (die Portugiesen konzentrierten sich zunehmend auf die Probleme, die sie auf dem amerikanischen Kontinent hatten) und nahmen ihnen die Molukken ab, deren Monopol sie zweieinhalb Jahrhunderte lang hielten.
Die Rivalität zwischen den Franzosen und Engländern spielte sich aber schon bald auf den Weltmeeren ab und führte zu einem andauernden Kampf um die Herrschaft des Welthandels. Als erste brachen die Franzosen auf. Die Gebrüder Ango organisierten Expeditionen unter Franz dem Ersten, jedoch erst unter Ludwig dem Vierzehnten wurde die erste französische Indienkompanie nach dem Vorbild der holländischen und englischen Indienkompanien gegründet.
Währenddessen hatten die Engländer schon einen guten Vorsprung, der die Franzosen noch teuer zu stehen kommen würde. Ihre Stützpunkte Bombay, Madras und Kalkutta waren günstiger gelegen und besser befestigt als die französischen Kontore Pondicherry, Chandannagar und Mahé. Madagaskar sollte mit reichlichen Erträgen zu dieser Zeit den Franzosen finanziell aushelfen. Leider hatten sie auf der Insel immer mehr mit einheimischen Krankheiten und den rebellierenden Madagassen zu kämpfen.
Diese Probleme boten eine einmalige Chance für die Insel Bourbon (alte Bezeichnung für La Réunion), die sich seit 1638 im französischen Besitz befand, ohne dass Frankreich beabsichtigte, aus der Insel eine Kolonie zu machen. Die Streitigkeiten zwischen den Verwaltern von Fort-Dauphin und ihren Untergebenen bescherten der Insel ihre ersten Einwohner. Zwei Gruppen von aus Madagaskar verbannten Rebellen fanden zwischen 1646 und 1649 sowie zwischen 1654 und 1657 auf Bourbon Unterschlupf. Als sie wieder heimkehrten, berichteten sie von einer paradiesischen Insel, von der sie verzaubert waren. Der Aufenthalt einiger Madagassen zwischen 1663 und 1665 leitete die Kolonisation der Insel ein, die 1665 mit der Niederlassung von zwei Dutzend Menschen begann.
Es wurde auch Zeit. 1674 griffen die Stämme aus dem Süden Fort-Dauphin an und bereiteten damit den französischen Hoffnungen auf die große Insel ein jähes Ende. Auf Bourbon wuchs die kleine Gemeinde immer mehr, trotz einem Mangel an Frauen. Den wenigen Frauen, die aus Frankreich ihren Männern auf die Insel folgten, schlossen sich Madagassinnen und Indo-Portugiesinnen aus Goa an. Die Nachbarinsel Mauritius wurde als holländische Kolonie weitaus weniger besiedelt als Bourbon, da die Holländer die Insel nur als Zwischenstopp auf ihrer Route zu den Molukken nutzten und sogar 1712 ganz aufgaben, nachdem sie sich in Kapstadt niederliessen.

