Ackerbau und Handel
Wäre Bourbon (alter Name der Insel La Réunion) ein Paradies geblieben, hätte sich Versailles nicht in sein Schicksal eingemischt? Das ist heute wohl schwer zu sagen. Jedoch ist sicher, dass die wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen für die Insel während der Kolonialzeit von fremden Mächten getroffen wurden.
Die Ära des Kaffees
Nach 1719 bestimmten sehr fähige Verwalter das Geschick der Insel. Das war ein klares Zeichen dafür, dass Bourbon das Interesse der französischen Instanzen geweckt hatte. Die Indienkompanie und der König folgten wohl folgendem Gedankengang: Wenn man den anderen Mächten die reichen Kolonialgebiete nicht abluchsen konnte, dann könnte man doch vielleicht versuchen, Gewürze und andere exotische Pflanzen auf dem eigenen Boden anzubauen. Bourbon schien mit seinem reichen Boden, seinen Wasserläufen und seinem angenehmen Klima ideal für dieses Experiment zu sein.
Dies war der Ursprung des unglaublichen botanischen Reichtums der Insel. Viele interessante Gewächse wurden von den Kapitänen in ihren Gärten gesammelt, immer in der Hoffnung, dass sie eines Tages nutzbringend kultiviert werden könnten. Dieses Abenteuer dauerte bis ins 20. Jahrhundert mit der Geranie und dem Champaka. Aber vor allem war es der Kaffee, auf dem alle Hoffnungen ruhten. Dieses Getränk, das gerade sehr in Mode war, versprach ein Vermögen. Die Seefahrer der Insel fuhren auf der Suche nach den Samen in den Jemen und brachten sie nach Bourbon.
„Wir haben aber doch eine ähnliche Pflanze in den Bergen“ schrieben die Siedler. Sie kreuzten die heimische Mokkapflanze mit dem braunen Kaffee und das Endprodukt feierte einen grandiosen Erfolg. Bourbon produzierte schon im Jahre 1744 2,5 Millionen Pfund Kaffee, d.h. 1000 Pfund pro Einwohner (erst 2500 Personen lebten zu dieser Zeit auf der Insel). Ein wahres Vermögen!
Jedoch hatten die reichen Erträge aus der Kaffeeproduktion nicht nur positive Folgen für die Insel. Da man für die erhöhte Produktion immer mehr Billigarbeitskräfte benötigte, blühte der Sklavenhandel auf der Insel auf. Außerdem rodete man große Flächen an der Westküste der Insel und zerstörte so die natürliche Schönheit dieser Gegend.
Auch litt die Insel unter den außenpolitischen Geschehnissen, die immer mehr das Geschick der Insel bestimmten. Die Streitigkeiten mit den Engländern in Indien verwandelten sich allmählich in einen offenen Krieg, der auch die Inseln im Indischen Ozean nicht verschonte. Besonders die Rivalität zwischen dem Gouverneur von Bourbon, La Bourdonnais, und dem ehrgeizigen Generalgouverneur der französischen Niederlassungen in Indien, de Dupleix, führten zu baldigen Niederlagen der Franzosen und zu einem stetigen Rückzug.
Doch Frankreich konnte trotz allem einige Erfolge erzielen. Die Franzosen nutzten den Rückzug der Holländer auf Mauritius und nahmen 1715 die Insel in Besitz. Zwanzig Jahre später machte La Bourdonnais Mauritius zu seiner Kriegsbasis im Indischen Ozean. Bourbon wurde damit für lange Zeit zur kleinen landwirtschaftlichen Schwester degradiert.
Die Ära der Gewürze
Der Anbau der Gewürze folgte den gleichen Überlegungen wie der des Kaffees. Sie waren eine Schlüsselware in den Kolonien Südasiens. Aber auch hier hatte Frankreich einen Vorsprung aufzuholen. Pfeffer, Zimt, Ingwer oder Kurkuma wuchsen an vielen Orten; jedoch die kostbareren Gewürze, wie Muskatnuss und Nelken, befanden sich ausschließlich auf den Molukken, die fest in der Hand der Holländer waren. Besonders der Landwirt und Kolonialverwalter Pierre Poivre verschrieb sich dieser gefährlichen Jagd – stand doch auf der “landwirtschaftlichen Spionage” die Todesstrafe – und unternahm von den Philippinen aus seine “Raubzüge”. Im Jahre 1767 wurde er sogar von dem König von Frankreich zum Intendanten ernannt, als die Krone die Indienkompanie, die Bankrott angemeldet hatte, aufkaufte.
Zwei Expeditionen wurden bald gestartet, bei denen Muskatnussbäume und Gewürznelken in die französischen Kolonien gebracht wurden. Auf der Ile de France (wie Mauritius jetzt genannt wurde) wurde der Gewürzanbau kaum betrieben, jedoch an der Windküste von Bourbon gediehen die Pflanzen dank des Botanikers Joseph Hubert.

